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«Haut ab, wir brauchen eure verdammte Hilfe nicht!»

Eins vorab: Die meisten der 150 Familien, die weit verteilt in den Hügeln rund um San Matias wohnen und denen wir am 10.05.2020 ein Corona-Hilfspaket überreicht haben, reagierten mit Dankbarkeit, Offenheit und teilweise mit einer sympathischen Schüchternheit. Aber dennoch waren da einige, die uns ihr Misstrauen zu spüren gaben oder uns gar mit einem «Haut ab, wir brauchen eure verdammte Hilfe nicht!» begegneten. Nach persönlichen Erklärungen haben alle Familien unsere Hilfspakete angenommen, aber warum gab es diese teils sehr energischen Reaktionen?

Vier kleine Mädchen sitzen vor einer Holzhütte

Hilfe & der politische Tauschhandel

Der Grund für die Ablehnung verdeutlicht, wie es um die Demokratie in dieser mittelamerikanischen Republik steht: In Honduras sagt man überspitzt: «Hier wählen die Toten den Präsidenten.» Warum? Weil bei Wahlen unzählige Stimmen von Verstorbenen und Wahlabstinenten in den Wählerlisten auftauchen. Alles, was eine Partei braucht, um Wahlresultate zu manipulieren, sind die ID-Nummer und den Wohnort des Nichtwählers und da es kein Wohnregister gibt, geht man von Ort zu Ort und sammelt diese Daten ein. Genau das passiert immer dann, wenn Parteien Hilfspakete verteilen. Hilfspakete gibt es – auch in der aktuellen Corona-Krise – nur im Tauschhandel mit Personendaten. Einerseits erzielt der jeweilige Kandidat so Neuwähler und andererseits erhält er die Daten derer, die nicht abstimmen werden, und kann diese zu seinen Gunsten einsetzen.

Somit: Hut ab vor den Familien, die trotz aller Not bei diesem politischen Tauschhandel nicht mitmachen wollen! Einige Durchschauen die hinterhältige Strategie der Politiker und bleiben lieber hungrig, als ihre Freiheit zu verkaufen und sie sind wütend über diese höchst wahlverfälschende Praxis. Davor haben wir grossen Respekt.

Wenn Menschen uns mit Misstrauen begegnen, braucht es ein klärendes Gespräch: «Nein, wir sind von keiner Partei und unsere Hilfe ist nicht politisch motiviert» und «Nein, wir möchten deine ID-Nummer weder sehen noch aufschreiben». In diversen Dörfern, Heimen und auf der Müllhalde kennt man uns, weil wir schon lange dort arbeiten, aber in den Regionen, wo die Familien keinen Bezug zu Casa Girasol haben, sagen wir: «Wir sind einfach nur Menschen, die mit euch in dieser Krisenzeit das teilen wollen, was sie selbst empfangen haben. Politische oder religiöse Zugehörigkeiten spielen für uns keine Rolle.» In jedem Hilfspaket finden die Familien nebst eines Bibelcomics auch einen Flyer mit wichtigen Hygienetipps und kurzen Informationen über unser Kinderhilfswerk. Dabei geht es uns nicht um Werbung (schliesslich werden sich die Menschen schon an unsere Gesichter erinnern, wenn wir in Zukunft wiederkommen), sondern darum, zu vermeiden, dass plötzlich ein schlauer Dritter Lorbeeren für diese Hilfsaktion erntet.

Kürzlich schickte uns eine ehemalige Volontärin diesen Bibelvers als Ermutigung zu, der wunderbar zum Thema passt: „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt erhalten.“ (Jakobus 1.27) Wie viel gerechter und menschenwürdiger wäre die Welt, wenn mehr Menschen aus einer Herzenshaltung heraus und ohne Eigennutzen helfen würden? Wahre Hilfe lässt sich nicht in Münzen sondern an der damit verbundenen Liebe messen.

Die Magie eines Lächelns

Bei der heutigen Verteilaktion an 150 Familien begleiteten uns Zaki Magoa und Freude aus seinem Umfeld. Mit dem aus Spanien stammenden Trickkünstler hatten wir vor einigen Jahren schon Shows im öffentlichen Spital veranstaltet. Damals zog er mit seinem Programm «Die Magie eines Lächelns» rund um die Welt, um Kinder in Not ein Lächeln auf ihre Gesichter zu zaubern. Danach machte er Honduras zu seiner Wahlheimat. Da gute Freunde auch in Krisenzeiten zusammenhalten, haben wir die Verteilaktion am heutigen Tag gemeinsam koordiniert. Unser Team hätte es ohne Hilfe niemals schaffen können, 150 Hilfspakete in diesem weitläufigen Gebiet zu verteilen. Schliesslich versuchen wir Menschansammlungen zu vermeiden und tragen daher jedes Paket direkt zu jedem Haus. Und auch die persönlichen Gespräche, die ermutigenden Worte und die kleinen Spässchen mit den Kindern brauchen Zeit. Zu neunt waren wir heute 8 Stunden über Stock und Stein unterwegs, um wirklich jede Familie in den Hügeln rund um San Matias zu erreichen.

Weiterführende Informationen zur Corona-Nothilfe

Wir möchten einmal mehr all jenen danken, die unsere Nothilfeaktion während der Corona-Krise mit einer Spende unterstützen. Die aktuellen Verteilaktionen sprengen unser Budget bei Weitem, aber durch die Solidarität, die wir als kleine Kinderhilfswerk erfahren dürfen, ermutigt uns, auch in den kommenden Tagen weitere Lebensmittel- und Hygienepakete einzupacken und an diejenigen zu verteilen, du unter der aktuellen Krise am meisten leiden. Auch wenn Verteilaktionen langfristig keine Probleme lösen, sind sie in der aktuellen Situation unumgänglich. Nur so können wir diejenigen durch diese Krise zu tragen, denen Momentan durch die staatlichen Massnahmen die Hände gebunden sind, um sich selbst mit dem Lebensnotwendigen versorgen zu können.

Weiterführende Informationen zur Corona-Nothilfe findest du auf unserer Webseite oder im neu erschienenen Prospekt «Wir leisten Nothilfe».

Und wer weitere Erfahrungsberichte lesen möchte, findet hier im Blog zahlreiche spannende Artikel:
Hilfspakete für Familien auf der Müllhalde von Danlí
«Ein besonderes Kind» – Nothilfe für Kinder mit einer Behinderung
4 Hilfslieferungen, 32 Grad Körpertemperatur und ein Politiker
Dieses Erlebnis zehrt an unseren Kräften – Hilfspakete an 76 Familien in Quebrada Honda

Gerne beantworten wir deine Fragen auch persönlich und freuen uns über dein Teilen unserer Beiträge auf Instagram, Facebook und LinkedIn.

Categories: Gedanken News Nothilfe Projekte

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casagirasolhonduras

Ich bin Alexander Blum und blogge für das Schweizer Hilfswerk Casa Girasol, dass sich in Honduras für die ärmsten Kinder in diversen Arbeitsbereichen einsetzt.

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