Mission Erfahrungsbericht vom Viva! Camp

Johanna Mattula war im Oktober 2017 Teilnehmerin des dreiwöchigen Kurzeinsatzes Viva! Camp. Ihre Mission: Mithelfen bei der Organisation und Durchführung von zwei viertägigen Camps für traumatisierte Mädchen und Strassenkinder mit Suchtproblemen – In ihrem Erfahrungsbericht berichtet sie uns mehr davon. Aufgrund ihrer Arbeit als Kunsttherapeutin in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Kempten, im Allgäu, kann sie uns in ihrem im Interviews einen spannenden Einblick geben, wie kreatives Arbeiten Heilungsprozesse begünstigt.

Erfahrungsbericht Mission: Johanna mit fünf Kinder an einem Tisch im Bastelworkshop

Künstlerisches Gestalten kann Lichtmomente begünstigen

Mission Erfahrungsbericht von Johanna

Johanna, vielen Dank, dass du uns schriftlich auf die Fragen für diesen Erfahrungsbericht antwortest und uns einen Einblick in die Mission von Casa Girasol in Honduras ermöglichst. Du arbeitest in Deutschland als Kunsttherapeutin, was muss man sich darunter vorstellen?

Ich arbeite dort mit Kindern und Jugendlichen, wobei die meisten meiner PatientInnen zwischen 13 und 15 Jahre jung sind. Meine PatientInnen tragen Diagnosen wie Depression, Posttraumatische Belastungsstörung, Essstörung, Bindungsstörung und sind teils suizidgefährdet.
Sie kommen meist einzeln zu mir und können, anstatt über ihre Belastungen zu sprechen, mit unterschiedlichsten Materialien gestalten. Das verbale Gespräch und auch Interpretationen meinerseits sind dabei weniger wichtig. Es geht darum, dass die Kids lernen, möglichst selbstständig ein Material zwischen Malen, Zeichnen, Filzen, Ton, Gips, Pappmache, Holz etc. auszuwählen und nach und nach zu einem eigenen gestalterischen Ausdruck zu finden. Über meine vorwiegend nonverbale Begleitung, indem auch ich male oder bastle, gelangen die PatientInnen schnell zu den Themen, die sie beschäftigen und können einen Umgang damit erlernen. Der kunsttherapeutische Weg funktioniert also nicht über Wissensvermittlung, sondern über das Erleben von Erfahrungen, die die Kinder zu Experten ihrer selbst machen.

Lichtmomenten Raum geben

Du hast uns erzählt, dass Kunst ein Weg sein kann, Lichtmomenten Raum zu geben. Was meinst du damit? Inwiefern kann Kunst Menschen in schwierigen Lebenslagen helfen?

Auf einem weissen Blatt oder mit einem Klumpen Ton etwas entstehen zu lassen und dabei den Inhalt völlig selbst zu bestimmen, ist erst einmal schwierig, weil gelernte Hemmungen wie „Ich kann das nicht!“ oder „Wie bewerten es die anderen?“ davon abhalten. Diese Blockaden können überwunden werden, indem man sich schöpferisch und als eigener Bestimmer des jeweiligen Werkes erfährt und damit negative Gedanken in Erfahrungen umformt, wie „Ich kann sehr wohl etwas; Meine Situation ist beschissen, aber sie kann sich sehr wohl verändern“. Der künstlerisch Gestaltende erfährt somit Selbstwirksamkeit und erlebt sich als jemand, der aktiv über sein Tun verfügt. Damit begegnet kreatives Tun dem Kern psychischer Belastungen, da bei diesen das umgekehrte Erleben der Fall ist: Der Betroffene empfindet sich nicht mehr als jemand, der über sein Leben bestimmen kann, sondern stattdessen als abhängig oder ausgeliefert.

Die beim gestalterischen Prozess hervorgebrachten, neuen, positiven Erfahrungen und Gedanken, wie „Ja, das habe ich geschafft!“, können Kraft geben, auch die eigene Lebensperspektive anders einzuschätzen und beispielsweise Überzeugungen zuzulassen, wie „Ich werde es schaffen, einen Beruf zu bekommen, mit dem ich einmal meine Familie ernähren kann“. Oder: „ Meine Situation ist beschissen, aber sie kann sich sehr wohl verändern – es gibt immer einen Weg, Ich werde ihn finden und gehen!“. Kreatives Gestalten, egal ob es sich dabei um anerkannte Kunst handelt oder nicht, kann meiner Überzeugung nach Lichtmomente ermöglichen, Denkmuster umstrukturieren und Veränderung hervorbringen.

Gruppenbild Camp mit Mädchen
Gruppenbild Camp mit Mädchen

Der Glaube an Gott bei der Arbeit

Spielt dein Glaube an Gott und Jesus auch in deiner Arbeit eine Rolle?

Für mich ist meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die schwere Schicksalsschläge und Beziehungserfahrungen zu den meist frühen Bezugspersonen erlitten haben und unter Umständen noch weiterhin erleiden müssen, nur möglich, weil mein christlicher Glaube mir die Perspektive hierzu gibt. Er hilft mir, nicht den menschlichen Weg der Aussichtslosigkeit zu sehen, sondern den der Hoffnung, des Lichts und der Liebe, den Jesus gezeigt hat.

Ich habe es nicht in der Hand, ob jemand die Kraft des Lichtes, die trotz allem in ihm steckt, annehmen kann. Viele erleben immer wieder Situationen, die es ihnen schwer machen, sich nach der heilsamen Liebe Gottes auszurichten. Aber ich mache täglich die Erfahrung, dass Gottes Liebe, die Kraft und Licht gibt, da ist. Und sie bestärkt mich, denn ich bin überzeugt davon, dass ich in diesen Momenten die Gegenwart Gottes spüre und dieses Erleben erfüllt mich.

Erfahrungsbericht, wie es bei uns in der Mission abläuft

Das Ziel unseres Missionswerkes und der Kurzeinsätze ist es, dass die Kinder in den Camps neue Kraft und Hoffnung schöpfen. Glaubst du, dass ein paar wenige Tage einen Einfluss auf das weitere Leben haben können oder ist es vielmehr ein Tropfen auf den heissen Stein?

Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein, aber letztlich wissen wir, dass steter Tropfen den Stein höhlt. Wir haben meist gar keine andere Möglichkeit, als den Kindern und Jugendlichen nur einen Moment geben zu können, der sie Kraft und Hoffnung schöpfen lässt. Und sie brauchen meist viele dieser Momente, damit sich ihr Leben verändern kann. In meinen Augen ist also das Erreichen von Veränderung auf diesem Weg sehr wohl möglich und auch notwendig.

Nutzen die Camps den Strassenkindern?

Casa Girasol setzt auf die Mischung aus Spielen, Bewegung, Workshops und biblischen Geschichten, um den Kindern ein buntes Programm zu bieten. Möchtest du uns in deinem Erfahrungsbericht beispiele nennen, was unsere Mission tun könnte, um den Nutzen für die Kinder weiter zu erhöhen?

Meiner Meinung nach leistet Casa Girasol sehr wertvolle und gute Arbeit: Bewegung, Kreatives, Handwerkliches, Praktisches, Förderung von Gruppenzusammenhalt und Selbstwirksamkeit, getragen durch den Glauben an Gott.

Es gefällt mir, dass es im Casa Girasol mehr um den gelebten Glauben der MitarbeiterInnen geht als um das Missionieren mit Worten. Die Biblischen Geschichten dienen nicht dazu, die Kinder umzukrempeln oder ihnen etwas überzustülpen, sondern ihnen zu zeigen, wie wertvoll und geliebt sie sind.

Für mich schöpft Casa Girasol damit die Möglichkeiten, angesichts der Begrenzung von Zeit und Ressourcen, voll aus. Das Programm scheint mir sehr geeignet für Kinder. Für die Jugendlichen würde ich mir das Einbeziehen von mehr handwerklichen Tätigkeiten und damit erwerbsvorbereitenden Möglichkeiten wünschen, wie das Erlernen von Gemüseanbau und Ähnlichem. Dabei ist mir aber bewusst, dass das Aufbauen solcher Werkstätten den aktuellen finanziellen Rahmen von Casa Girasol sprengen würde

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Dieser Erfahrungsbericht über einen Kurzeinsatz von Johanna in unserem Missionswerk Casa Girasol wurde im Infoblatt Winter 2017/2018 veröffentlicht. Weitere spannende Erlebnisberichte von anderen Volontären in Mittelamerika sind etwa die Blogbeiträge „Erlebnisbericht Viva! Camp von Tabea“ oder „Workcamp Erlebnisbericht von Annina Morell