Der Traum der USA – Ein Kommentar zu „Migration“

Wie oft höre ich diese Sätze: Ich werde in die USA gehen, dort arbeiten und meine Familie hier in Honduras unterstützen. Es stimmt mich jedes Mal traurig. Nicht etwa, weil ich den Wunsch an einem anderen Ort zu arbeiten oder zu leben, nicht nachvollziehen könnte. Ich selbst darf als Leiter des Missionswerkes Casa Girasol in zwei Welten leben und empfinde es als grossen Segen und als Bereicherung. Doch illegal in die USA zu reisen? Das Leben aufs Spiel setzen? Drei Dinge tun mir bei diesem Traum der USA besonders weh:

Drei Dinge, die mir weh tun

1. Wieso es zum Traum der USA kommt

Besonders tragisch ist die Antwort auf die Frage, was die illegalen Migranten in die USA treibt, denn letztlich ist es pure Verzweiflung, die diesen Traum der USA in den Menschen wachsen lässt. Verzweiflung über die Situation in Honduras, über die Aussichtslosigkeit und Unveränderbarkeit der Misere, Arbeitslosigkeit, Armut und bittere Not.

2. Dass die Reise viele Gefahren birgt

Der Weg für die mittelamerikanische Migranten in die USA ist schwierig und viele finden statt Freiheit den Tod. Gefahren lauern überall. Gerade heute erzählte mir ein Freund, dass zwei seiner Cousins diese Woche auf dem weiten Weg in den Norden spurlos verschwunden waren und heute, statt dem ersehnten Geld, die traurige Nachricht kam, dass die beiden ermordet aufgefunden wurden.

3. Dass das Leben nicht besser wird

Kommt der Illegale in den USA an, beginnt für viele ein Überlebenskampf, der noch brutaler ist, als das Leben zu Hause bei seiner Familie. Als Illegaler ist er seinem Arbeitgeber und anderen Menschen hilflos ausgeliefert. Sie werden zu modernen Sklaven, ohne Rechte, ohne Möglichkeit sich gegen Missbrauch zu wehren. Auch die ständige Flucht vor der Einwanderungsbehörde erschwert das Leben. Daher hört man in Honduras viele Menschen sagen: „Lieber esse ich hier gemeinsam mit meiner Familie Reis und Bohnen, als in den USA für ein paar Dollar zu leiden.“

Meine Antwort an die Träumer

Ich versuche die Menschen stets zu motivieren, die Gefahren zu bedenken. Zwar kann ich den Traum der USA nachvollziehen. Doch ich sehe auch Möglichkeiten, in Honduras eine Zukunft aufzubauen. „Geh‘ nicht, bleib‘ hier. Versuche die Situation hier zu verändern. Hier ist deine Familie, die dich braucht, hier ist dein Zuhause!“, ist meine Antwort. Doch wer den Traum der USA träumt, der denkt nur an die wenigen, die es tatsächlich geschafft haben und heute ein besseres Leben führen.

Mojados von Ricardo Arjona

Der guatemaltekische Musiker Ricardo Arjona singt in seinem Lied „Mojados“ von der Geschichte eines Auswanderers und zeigt, wie Heimweh zu seinen Liebsten und die Heimatlosigkeit den Traum der USA platzen lassen. Der Künstler spricht tief aus der Seele der Migranten und stellt zum Ende die Frage: „Wenn das Visum für diese Welt am Tag unserer Geburt ausgestellt wird und mit unserem Tod endet, warum werden wir als Illegale bezeichnet, wenn doch der himmlische Konsul uns die Erlaubnis erteilte?“ Aus Sicht der reichen Länder mag Einwanderungspolitik Sinn machen, doch aus sicht der armen ist sie einfach ungerecht.

Der Egoismus der reichen Länder

Egoismus und Überheblichkeit prägen die westlichen Länder. Einerseits wollen sie die Grenzen für Illegale dicht machen, andererseits erleichtern sie die Einreise für bestimmte, qualifizierte Menschen. Gerade die USA, Kanada und Taiwan kämpfen in Honduras um die Gunst der Berufsleute mit Universitätsabschluss. Sie werben die Talente ab, die für Honduras so wichtig wären, um das Land voranzubringen, stets im Blick: Der eigene Profit. Der Traum der USA darf geträumt werden – aber das gilt nur für die „guten“ Leute.

Die USA treiben es zudem auf die Spitze: In Honduras werden Soldaten angeworben. Hierfür dürfen auch die armen Leute ohne Schulabschluss hinhalten. Für wenig Geld werden sie an die Front geschickt – für den Weltfrieden. Damit keine Ausländer auf den Militärfriedhöfen in Nordamerika liegen, bedient man sich eines einfachen Tricks: Mit dem Tod im Einsatz für die US-Streitkräfte erhält man automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ganz im Sinne von: Er stab für sein Vaterland.

Kindern wieder das Träumen lehren

Auch dafür, dass Kinder wieder zu träumen wagen, ist ein Ziel der Missionsarbeit von Casa Girasol. Träume in eine selbstbestimmte Zukunft und ein chancenreiches Leben in Honduras. In unseren Campwochen, Kinderprogammen und Workshops begleiten wir Kinder aus den ärmsten Verhältnissen, fördern ihr Selbstbewusstsein und den Glauben an sich selbst.

Bemerkung: Dieser Artikel aus dem Jahr 2013 wurde 2019 umfassend überarbeitet. Ein weiterer Artikel, erschienen 2019, beschreibt die Problematik der Migration aus Sicht der Schweizer.

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