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Coronavirus: Warum Entwicklungsländer unaufhaltsam in eine humanitäre Katastrophe steuern

Wir machen uns grosse Sorgen und rechnen mit einer weltweiten humanitären Katastrophe. Obwohl es lange ruhig war, müssen wir davon ausgehen, dass sich das Coronavirus nun in vielen Entwicklungsländern wie ein Lauffeuer ausbreiten wird. Der Anstieg wird sich von den Zahlen in Europa unterscheiden, denn in den ärmsten Ländern dieser Welt ist die Ausgangslage eine andere. Die meisten der erfolgsversprechenden Massnahmen werden dort nicht im gleichen Mass greifen können. Zudem treiben bereits jetzt die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns unzählige bitterarme Menschen in den Hungertod. Welchen Problemen begegnen Entwicklungsländer im Blick auf COVID-19? Wäre eine schnelle Rückkehr zur Normalität letztlich nicht das kleinere Übel? Oder gibt es vielleicht noch einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass die schlimmsten Befürchtungen nicht eintreffen werden?

Coronavirus: Europa und die USA sind trotz allem besser vorbereitet

Über die letzten Wochen konnten wir die Statistiken über die COVID19-Erkrankungen der Johns Hopkins University mitverfolgen. Während sich die Lage in China beruhigte, sollten die Meldungen stimmen, explodierten die Fallzahlen in Europa und dann auch in den USA. Drei Monate lang stieg die Zahl der Erkrankten in den meisten Entwicklungsländern nur langsam an. Doch nun ist es überall, das Virus, das die Welt stillstehen lässt. Wenn wir uns die dramatischen Ereignisse in den reichen Ländern vor Augen führen, dann beginnen wir zu verstehen, dass es viele Entwicklungsländern dieser Welt viel verheerender treffen könnte. Denn, auch wenn die Coronakrise für jede Nation eine grosse Herausforderung darstellt, bleibt es trotzdem so, dass die reichen Länder wirtschaftliche und medizinische Möglichkeiten besitzt, von denen andere Länder nicht einmal zu träumen wagen.

Wie soll Social Distancing und Lockdown in Slums funktionieren?

Social Distancing und Lockdown, also das Reduzieren von Kontakten durch Ausgangssperre, Geschäftsschliessungen und Versammlungsverbote wurden schon früh als die wichtigsten Massnahmen gegen eine schnelle Ausbreitung des Coronavirus erkannt. Die Washington Post veranschaulicht in animierten Grafiken, wie durch eine Reduktion der Kontakte und durch Einschränkung unseres Bewegungsraums die Zunahme der COVID19-Erkrankungen zwar nicht aufgehalten aber verlangsamt werden kann. Bei dieser Flatten-the-Curve-Stategie erkranken weniger Personen gleichzeitig und das entlastet das Gesundheitssystem. Doch was in einem reichen Land besser als erwartet funktioniert, ist für arme Länder weitgehend unrealistisch.

Social Distancing und Lockdown wird in den Slums dieser Welt nicht die gleichen Erfolge bringen, denn:

  • Millionen Menschen leben auf engstem Raum, Grossfamilien teilen sich eine Hütte und drei oder vier Personen schlafen in einem Bett, diese Nähe lässt sich nicht vermeiden.
  • Zwei Milliarden Menschen auf diese Erde haben keine eigene Toilette, keine Dusche und kein fliessendes Wasser. Sie müssen für ihre Hygiene das Haus verlassen und selbst das regelmässige Händewaschen wird für sie zur Herausforderung.
  • Die Not und die fehlenden Sozialsysteme treiben arme Menschen weiterhin auf die Strasse und zur Arbeit: Sie haben keine Wahl und müssen sich täglich ihr Essen verdienen und täglich auf dem Markt einkaufen.

In reicheren Vierteln und auf dem Land mag die Strategie aufgehen, für einen Grossteil der armen Stadtbevölkerungen wird sich aber eine Ansteckung mittelfristig nicht vermeiden lassen.

animierte Grafik von Washington Post zu Covid-19 Corona Virus Effekte Ausgangsseperre, Lochdown und Social Distancing

Wie kann ein marodes Gesundheitssystem Menschen versorgen?

Das Gesundheitssystem der meisten Entwicklungsländer war schon vor der Coronapandemie nicht in der Lage, die Menschen ausreichend zu versorgen. In Ländern, wo das Krankenpersonal sich verzweifelt mit selbstgebastelten Masken und Abfallsäcken als Körperüberzug schütz, ist klar, dass selbst wenige Erkrankungen die Gesundheitsversorgung kollabieren lassen. Arme Länder haben also praktisch keine Möglichkeit, Erkrankte zu pflegen. Zwar werden auch dort die allermeisten Erkrankten einen milden Verlauf vorweisen, aber für diejenigen mit einem schweren Verlauf ist die Mortalitätsrate natürlich deutlich erhöht.

Welche Hoffnung kann man in korrupte Regierungen setzten?

Viele Entwicklungsländer sind faktisch bankrott und ihre Regierungen handlungsunfähig oder korrupt. Wer glaubt, dass die Bevölkerung von ihrer Regierung viel Hilfe erwarten kann, der irrt. Kein Sozialsystem, keine Unterstützung für die Wirtschaft, keine Kurzarbeit: Die Einwohner und Firmen dieser Länder werden sich selbst überlassen. Die Regierungen versuchen durch strikte Verbote und harte Bestrafungen das Virus etwas einzudämmen, nutzen aber gleichzeitig die Gunst der Stunde, um im Wirrwarr des Notstands Teile der Verfassung ausser Kraft zu setzten und so ihre Macht zu stärken. Es sind letztlich politische Schachzüge und wer als Gewinner aus der Partie gehen will, für den dürften Menschenopfer eine nebensächliche Rolle spielen.

Besorgniserregend ist auch die Haltung der Weltgemeinschaft. Es wäre falsch, sämtliche Entwicklungsländer in den selben Topf zu verwerfen oder mitten in einer Krise den Spreu vom Weizen trennen zu wollen. Aber, es sollte uns dennoch nachdenklich stimmen, dass plötzlich Milliardenbeträge in die Hände derer gelangen, die vor der Krise auf der Anklagebank sassen. Das könnte langfristig kontraproduktiv sein und das Leid der Menschen in diesen Ländern letztlich weit über die Corona-Krise hinaus verlängern. Dass die Bevölkerung all dieser Nationen jetzt schnelle Hilfe notwendig haben, steht ausser Frage und wir hoffen, dass die weltweite Solidartität auch dann bestehen bleibt, wenn plötzlich ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Wäre es besser, dem Virus freien Lauf zu geben?

Wir müssen davon ausgehen, dass Millionen Menschen in den Entwicklungsländern an COVID-19 erkranken und viel zu viele an der Lungenkrankheit sterben werden. Auch die wirtschaftlichen und politischen Folgen der weltweiten Cornakrise werden (womöglich weit mehr) Opfer fordern.

Sobald das Gesundheitssystem eines Landes selbst unter einer verlangsamten Ausbreitung kollabiert, ändert auch ein Lockdown nichts mehr am unvermeidbaren Massensterben. Und, wenn zudem deutlich mehr Todesopfer aufgrund der wirtschaftlichen Folgen als durch das Virus zu erwarten sind, wäre es dann nicht an der Zeit, durch ein Wiederhochfahren der Wirtschaft Millionen vor dem Hungertod zu bewahren?

Eigentlich führt kein Weg an der koordinierten Auflockerung der Massnahmen vorbei. Eigentlich – wäre da nicht die Hoffnung, dass doch plötzlich eine gute Behandlung oder eine Impfung zur Verfügung steht, und wäre da nicht die Möglichkeit, dass es doch ein Land gibt, dass einen vernüftigen Mittelweg findet. Vielleicht sieht in drei Wochen alles anders aus?

Es sind dieser Hoffnungsschimmer, zu viele unbekannte Faktoren und zu wenig Erfahrungswerte, die die Politik momentan noch daran hindern, eine ethisch-wirtschaftliche komplexe Entscheidung zu treffen. Eines ist aber klar: In den Entwicklungsländern ist man Gott dankbar, dass sich der Beginn der Ausbreitung im Vergleich zu Europa um 2 oder 3 Monate verzögert hat. In diesem Wissensvorsprung könnte eine letzte kleine Chance bestehen, um das Allerschlimmste doch noch zu vermeiden.

Nothilfe von Casa Girasol

Das Kinderhilfswerk Casa Girasol hat Mitte März sein Corona-Nothilfeprogramm in Honduras gestartet, um die Ärmsten und Schwächsten in der mittelamerikanischen Gesellschaft durch diese Krise zu tragen. Die Versorgungsengpässe lassen die Menschen hungern. Durch unsere Hilfsprojekte verteilen wir Lebensmittel und Hygieneprodukte an Kinderheime, Seniorenheime und an die Menschen, die auf der Müllhalde leben und arbeiten. Mehr Informationen zur Corona-Nothilfe findest du auf unserer Webseite oder in den Blogbeiträgen zum Thema Coronavirus. Wir müssen jetzt handeln, wenn wir den dramatischen Entwicklungen entgegenwirken wollen.


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> Artikel in der NZZ: „Wir können uns aussuchen, woran wir sterben: Hunger oder Corna“

Categories: Gedanken News Nothilfe Projekte

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Ich bin Alexander Blum und blogge für das Schweizer Hilfswerk Casa Girasol, dass sich in Honduras für die ärmsten Kinder in diversen Arbeitsbereichen einsetzt.

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