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Als Volunteer im Ausland helfen – macht Volunteering Sinn?

Als Volunteer im Ausland helfen, Jugendliche betreuen, Kindergärten bauen oder Schildkröten retten: Macht das Sinn? Hat Volunteering seine Berechtigung und was ist dran an der Kritik am Voluntourismus? Ich gehe den Fragen auf den Grund.

Warum macht Volunteering Sinn

Volunteering – warum es Sinn macht

Da ich im Rahmen unseres Missionswerks Casa Girasol jedes Jahr zahlreiche Volunteer-Einsätze im Ausland (genauer gesagt in Honduras, Mittelamerika) organisiere, bin ich selbstverständlich von Sinn und Zweck des Volunteerings überzeugt. Warum? Weil ich mit eigenen Augen hundertfach sehe, dass Freiwilligeneinsätze etwas bewirken – am Ort des Geschehens, im Leben des Volunteers und für die organisierende Institution.

Nutzen des Volunteerings im Ausland

Trotzdem möchte ich die Sinnfrage klären und den Nutzen von Volunteerings im Ausland für alle Beteiligten kritisch betrachten. (Ich verwende zur Übersichtlichkeit jeweils die männliche Form).

Nutzen für die Gesellschaft

Wo gearbeitet wird, entsteht in aller Regel ein Mehrwert. Ein Nutzen des Volunteerings für die Gesellschaft oder die Umwelt liegt somit auf der Hand. Durch seine Arbeitsleistung unterstützt der Volunteer die Realisierung von Projekten. Ungeachtet davon, ob er nun Bäume pflanzt, Kunstprojekte unterstützt oder sich liebevoll um Kranke kümmert, er trägt in einem für ihn wichtigen Bereich zur Verbesserung oder Veränderung bei. Dadurch entsteht in der Summe aller weltweiten Bemühungen ein Nutzen für die Gesellschaft als Ganzes.

Darüber hinaus fördert Volunteering im Ausland den interkulturellen Austausch, baut Brücken zwischen Nationen und lässt die Menschheit als Gemeinschaft zusammenwachsen. Gerade die interkulturelle Zusammenarbeit birgt Chancen, aber, bei falscher Umsetzung, auch Risiken. Ein interkultureller Austausch funktioniert nur auf Augenhöhe und somit kann eine überhebliche Haltung viel Schaden anrichten. Wer die Meinung vertritt, dass er es besser kann als die anderen, der sollte lieber zuhause bleiben. Wer glaubt, dass man immer voneinander lernen kann, der bringt die richtigen Voraussetzungen mit.

Nutzen für den Volunteer

Genauso wichtig ist meiner Meinung nach der Nutzen für den Volunteer selbst. Das mag verwundern, da Volontäre doch oft Menschen sind, die sich nicht in den Mittelpunkt stellen möchten. Aber Pflichtgefühl, Nächstenliebe, Abenteuerlust, Orientierungswusch, oder was auch die Beweggründe für einen Freiwilligeneinsatz sein mögen, sie alle haben ihren Ursprung im Inneren des ehrenamtichen Helfers. Es ist also völlig OK, wenn wir uns für die Gesellschaft oder die Umwelt engagieren, weil es uns Freude bereitet, uns erfüllt und uns persönlich wachsen lässt.

Und genau darum sollte der Veranstalter von Arbeitseinsätzen bemüht sein: Er muss ein Umfeld schaffen, in dem die persönliche Entwicklung des Volunteers Platz hat. Wenn der freiwillige Helfer nach seinem Einsatz gestärkt zurückkehrt, dann kann er seine neuen Erfahrungen und sein erweitertes Netzwerk auch ins alltägliche Leben, Arbeiten und Wirken integrieren. Aus den während des Volunteerings empfangenen Impulsen entsteht somit ein Nutzen, der weit über die Einsatzdauer hinausgeht.

Nutzen für die Organisation

Volunteers sind für Organisationen wichtig und kaum wegzudenken. Denn Freiwillige ermöglichen es Organisationen Projekte umzusetzen, die ohne ihre Unterstützung nicht möglich wären, zum Beispiel weil finanzielle Mittel, Arbeitskräfte oder Knowhow fehlen.

Zudem sind Volunteerings eine gute Möglichkeit, Menschen für ein bestimmtes Thema zu sensibilisieren, einen persönlichen Bezug zu schaffen und schliesslich auch um neue Sponsoren oder Spender zu gewinnen. Bei letzterem muss die Organisation aber besonders vorsichtig handeln. Voluntourismus als Teil der Öffentlichkeitsarbeit einer Organisation ist zwar durchaus legitim, es besteht aber die Gefahr, dass eine Manipulation des schlechten Gewissens stattfindet.

Beim Kinderhilfswerk Casa Girasol sind wir uns des Nutzens von Volunteering für unsere Organisation bewusst. Darum behandeln wir die Freiwilligeneinsätze verantwortungsvoll und mit derselben Wichtigkeit, wie alle anderen Arbeitsbereiche.

Ist Kritik am Voluntourismus berechtigt

Kritik am Voluntourismus

Wie bei allen Themen gibt’s auch beim Voluntourismus wiederholt Kritik. Es lohnt sich, die gängigsten Kritikpunkte genauer anzuschauen.

Unerfahrene Volunteers bringen nichts

Natürlich bringt es nichts, wenn ein Schulabgänger mit der nächsten Marsmission beauftragt wird. Insofern ist dieser Kritikpunkt am Volunteering berechtigt. Aber ein Schulabgänger kann trotzdem im NASA-Hauptsitz mithelfen und einen Beitrag zur Marsmission leisten.

Es liegt in der Verantwortung des Einsatzbetriebes, einen Volonteer-Einsatz so zu gestalten, dass der Aufgabenbereich eines Volunteers zu seinen Interessen, Erfahrungen und Fähigkeiten passt, damit ein klarer Nutzen entsteht. Es bleibt aber festzuhalten, dass Nutzen und Arbeitsleistung nicht dasselbe sind und nicht nur letztere zur Bewertung über Sinn und Unsinn hinzugezogen werden darf. Der Nutzen eines Volunteerings geht, wie vorher beschrieben, weit über die Arbeitsleistung hinaus. Auch unerfahrene Volunteers können einen sinnvollen Einsatz leisten, wenn der Einsatzbetrieb weiss, wie man aus einzelnen Menschen ein funktionierendes Team bildet. Denn Menschen können zwar in einem Fachgebiet unerfahren sein, aber dennoch verfügen sie alle über Fähigkeiten, die dem Ganzen dienlich sein können.

Hilfswerke bereichern sich an Volunteers

Hilfswerke handhaben die Kosten für Volunteering unterschiedlich. Es gibt solche, die an einem Volontäreinsätze ohne Kosten anbieten, solche die einen Unkostenbeitrag erheben (da nicht die Möglichkeit besteht, die Kurzeinsätze über Spenden zu finanzieren) und solche, die hohe Beiträge verlangen, um mit den Volunteers auch einen finanziellen Gewinn zu erzielen, der bestenfalls dem Projekt selbst zugute kommt.

Selbst hohe Kosten sind noch nicht automatisch ein Anzeichen dafür, dass Hilfswerke sich bereichern. Sie zeugen in erster Linie von unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Letztlich liegt die Entscheidung beim Volunteer selbst, ob und wieviel er sich diese Erfahrung im Ausland kosten lassen will. Sind Preis und Leistung vorab genau definiert, erspart man sich unnötige Diskussionen und unangenehme Erfahrungen.

Dennoch gibt es natürlich Hilfswerke, die sich an Volunteers bereichern oder, sind die Freiwilligen erst einmal vor Ort, kräftig Druck ausüben, um Volunteers zum Spenden zu überreden. Ich würde daher immer dazu raten, auf erfahrene Anbieter von Volunteer-Einsätzen zu setzen, über einen Vermittlungsservice zu buchen (ein paar Tipps, wie du deinen Kurzeinsatz planen kannst, gibts hier) oder mit ehemaligen Volunteers Kontakt aufzunehmen, um im Vorfeld Zweifel zu klären.

Voluntourismus killt lokale Arbeitsplätze

Voluntourismus sei keine Hilfe, sondern fördere die Armut zusätzlich, so meinen es einige Kritiker. Sie belegen ihre Meinung zum Beispiel wie folgt: „Wenn eine Gruppe von Freiwilligen Helfern aus dem Ausland ein Krankenhaus baut, dann nehmen sie den lokalen Bauarbeitern die Arbeit weg.“ Diese Form von Kritik eignet sich vielleicht als Schlagzeile für eine Gratiszeitung, sie ist aber genauso kurzsichtig wie falsch!

Die Kritiker gehen davon aus, dass (um beim Beispiel zu bleiben) das Krankenhaus sowieso gebaut wird, auch wenn keine Volunteers mithelfen, in der Regel ist dies aber nicht der Fall. Ohne Volunteers könnten viele Hilfsprojekte gar nicht umgesetzt werden.

Zudem muss man weiterdenken, um die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen: Der lokale Bauarbeiter wird vielleicht nicht für den Bau engagiert, aber andere lokale Personen profitieren sehr wohl vom Voluntourismus: Der Bauer verkauft mehr Gemüse (weil die Volunteers ja auch was essen), der Taxifahrer hat Zusatzfahrten etc., denn Volontäre lassen während ihres Aufenthaltes auch Geld liegen.

Man darf zur Argumentation also nicht nur den Bauarbeiter hinzuziehen, sondern muss die positiven Folgen für die Gesellschaft als Ganzes betrachten: Der Ort bekommt ein neues Krankenhaus und es fliesst Geld in die Kassen der lokalen Lieferanten und Dienstleister – und wo Geld fliesst, entstehen Arbeitsplätze – somit hilft der verantwortungsvolle Voluntourismus der lokalen Wirtschaft.

Man würde besser Spenden als Volunteer sein

Interessanterweise kommt die Aussage, man würde besser Spenden als Volunteer sein, oft von Menschen, die selbst kaum spenden und häufig scheint es mir eine Ausrede zu sein. Ich glaube, wer logisch denkt, der kommt zum Schluss: Beides ist wichtig, Spenden und Volunteering. Warum? Die wenigsten Hilfsprojekte können ausschliesslich durch Freiwilligenarbeit realisiert werden, darum braucht es Spenden oder Projektpatenschaften. Aber genauso gilt: Viele Vorhaben könnte man ohne die Unterstützung von Freiwilligen nicht umsetzen und ohne Volunteers müsste man auf die oben genannten Vorteile (zum Beispiel den interkulturelle Austausch) verzichten.

Volounteering macht Sinn!

Das Volounteering Sinn macht, steht für mich ausser Frage. Darum organisiere ich im Rahmen des Kinderhilfswerks Casa Girasol jährlich zahlreiche Volunteer-Einsätze. Doch auch ich bin der Meinung, dass es sich lohnt, genau hinzuschauen, um verantwortungsvoll zu handeln und für alle Beteiligten den grössmöglichen Nutzer herauszuholen.

Dieser Artikel ist ein Beitrag von Alexander Blum

Weiterführende Informationen: Eine Studie von Brot für alle und Fairunterwegs zum Thema „Vom Freiwilligendienst zum Volountourismus“. Wikipediabeitrag zur Begriffserklärung.

Categories: Gedanken News Tipps

Tagged as:

casagirasolhonduras

Ich bin Alexander Blum und blogge für das Schweizer Hilfswerk Casa Girasol, dass sich in Honduras für die ärmsten Kinder in diversen Arbeitsbereichen einsetzt.

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